Musik
Vorträge
Redetext. DER BOGEN ÜBER DEM ABGRUND Über die verbindende Kraft der Musik
Zum Kalender hinzufügenZeit:
12:00
Datum:
Ort:
Niederösterreich Palais in Wien
Vortrag im Rahmen der Matinee „Die verbindende Kraft der Musik“, gehalten am 10. Juni 2024
Sehr geehrte Damen und Herren,
wenn Menschen mit unterschiedlichen, mitunter höchst divergenten Herkünften gemeinsam musizieren, sich der Interpretation eines klassischen Werkes widmen, liegt der Gedanke nahe, dass dies sich nicht nur einem guten Willen, sondern auch den Möglichkeiten verdankt, die im Phänomen der Musik selbst liegen. Es war der heute vergessene Schriftsteller Berthold Auerbach, der in seinem 1865 erschienenen Roman Auf der Höhe die dafür maßgebliche Formulierung gefunden hatte: „Musik allein ist die Weltsprache und braucht nicht übersetzt zu werden.“ Dieser schöne Gedanke geht davon aus, dass entscheidende musikalische Parameter wie Melodie und Rhythmus einen universalen Charakter haben, dass sie bei Angehörigen unterschiedlicher Kulturen ähnliche Reaktionen hervorrufen.
Dieses Konzept geht wesentlich auf Jean-Jacques Rousseau zurück, der in seinem Wörterbuch der Musik aus dem Jahr 1768 schreibt, dass die „wahren Schönheiten der Musik“ aus der Natur stammten und „allen gebildeten und ungebildeten Menschen gleichermaßen erfahrbar“ seien. Rousseau beschränkte diese Erfahrung allerdings nur auf die Melodie, alle anderen musikalischen Parameter werden ausgeblendet. Das war auch eine kritische Reaktion auf die barocke Akkordlehre und die damit verbundene mathematische Konzeption der Musik. „Musik“, so hatte es der große Philosoph und Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibniz formuliert, „ist die versteckte arithmetische Tätigkeit der Seele, die sich nicht dessen bewusst ist, dass sie rechnet.“
Empirische Untersuchungen haben gezeigt, dass bestimmte Tonfolgen relativ kulturunabhängig fundamentalen Gefühlen wie Freude, Trauer oder Liebe zugeschrieben werden können. Dass noch kleinste Musikfragmente als aufputschend im Sinne eines Tanzliedes oder beruhigend im Sinne eines Schlafliedes empfunden werden, scheint ebenfalls universell zu sein. „Obwohl sich die Musik für uns oft so völlig unterschiedlich anhört“, resümierte Samuel Mehr, ein Autor dieser Studien, „scheint es doch elementare Strukturen in den Melodien zu geben, die sämtliche kulturellen Unterschiede überschreiten.“ Das gibt Anlass zur Hoffnung. Ohne jetzt über die physiologischen Grundlagen dieser Befunde zu spekulieren, erlauben diese doch, der Musik im Gegensatz zu anderen Kommunikationssystemen wie Gesten oder Sprachen eine Eindringlichkeit zuzuschreiben, der sich kaum ein Mensch entziehen kann. Musik, wenn man sie denn als Sprache, als „Klangrede“, wie es Nikolaus Harnoncourt formulierte, fassen will, muss nicht wie andere Signalsysteme erst mühsam erlernt werden, sie kann unmittelbar mit- und nachvollzogen werden.
Eine Erklärung dafür liegt darin, dass Musik imstande ist, Emotionen nicht nur darzustellen und zu illustrieren, sondern hervorzurufen. Musik versetzt uns als Ausführende und als Hörende in eine ganz besondere, vom Alltag unterscheidbare Stimmungslage. Der Philosoph Günter Anders sprach deshalb von „musikalischen Situationen“, die kein starres Gegenüber von Werk und Rezipient, von Aufführung und Publikum, von Zeit und Ort kennen, sondern ein Mit- und Ineinander all dieser Aspekte. Der Gedanke, dass gemeinsames Musizieren, so wie gemeinsames Hören oder die Auseinandersetzung mit einem Werk, die oft schwierigen Prozesse gegenseitigen Verstehens erleichtern, weil die emotionale Basis durch die Musik für alle gegeben ist, liegt nahe. Dass alle Menschen Freude und Schmerz, Lust und Leid empfinden können, dass sie manchmal beschwingt, dann wieder mühselig, manchmal unbekümmert und dann wieder schwermütig durchs Leben gehen, bleiben in der Regel abstrakte Behauptungen, solange sie uns nicht selbst betreffen. Aber durch Musik können sie unmittelbar vergegenwärtigt werden, und dies erlaubt es, sich in die emotionale Situation eines anderen einzufühlen. Noch das Sprichwort, nach dem man sich dort niederlassen soll, wo man singt, da böse Menschen keine Lieder haben, zehrt von dieser Überlegung.
Wenn es so einfach wäre. Zu unserem Bedauern haben auch böse Menschen Lieder. Natürlich gibt es Musik, die kriegerische Aktionen begleitet, die zur Aggression aufputscht, die politisch ge- und missbraucht werden kann. Und zu eingängigen Melodien kann alles Mögliche gesungen werden. Es liegt der Verdacht nahe, dass es sich bei der Formel von der „Weltsprache Musik“ auch um eine romantische Vorstellung handeln könnte, die einige unangenehme Aspekte der Musik, die uns bis heute zu schaffen machen, ausblendet.
Man sollte also vorsichtig sein. Musik kann sehr wohl in einem enge, bornierten Sinn aufgefasst werden kann. Musik hat immer auch dazu gedient, ethnischen, sozialen oder religiösen Gruppen ihre Identität und Exklusivität zu bestätigen und zu bestärken, und bis heute können wir darüber streiten, welche Musikrichtung, welcher Stil, welche Instrumente von welchen Menschen legitimerweise ausgeübt und gespielt werden dürfen. Die unseligen Debatten über „kulturelle Aneignung“ zeigen, dass es gerade aktuell gefährliche Bestrebungen gibt, die Musik ihres universalen Charakters wieder zu berauben. Dem können wir nicht mit bloßen Bekenntnissen und Behauptungen begegnen. Es ist wichtig, zuzugestehen, dass jede Musik ihren historischen Entstehungsort hat, ihre soziale und politische Funktion, ihren gemeinschaftsstiftenden, damit aber auch exkludierenden Sinn. Musikalische Vorlieben sind manchmal noch immer Ausdruck sozialer Zugehörigkeiten, sie zählen, so der große Soziologe Pierre Bourdieu, zu jenen „feinen Unterschieden“, durch die sich Menschen voneinander abgrenzen wollen. Und es ist auch zuzugestehen, dass Musik sich nicht immer von selbst versteht. Es schadet nichts, über Kompositionstechniken und ihren Entwicklungen, über die unterschiedlichen Ausdrucksformen der Musik und deren Geschichte etwas zu wissen, um sein Verständnis zu vertiefen. Früher nannte man dies musikalische Bildung.
Entscheidend aber ist: Wenn auch nicht in einem absoluten Sinn, vermag jede Musik in uns doch einen, wie es der Soziologe Hartmut Rosa nennt, Resonanzraum zu erzeugen. In einer musikalischen Situation erfahren wir etwas über die Dimensionen des Menschlichen. Und deshalb gibt es keine Musik, die dort stehenbleiben müsste, wo sie die historische Bedingtheit ihrer Entstehung lokalisiert hat. Deshalb können wir die Musik vergangener Jahrhunderte hören, ohne das Gefühl haben zu müssen, in einem akustischen Museum zu sein. Musik ist, mehr als andere Künste, in der Lage, ihre historischen und regionalen Bedingtheiten zu überschreiten und damit jeder Zeit und jedem Menschen etwas Neues zu offerieren. Zwar hat jede musikalische Richtung, jedes Genre, jeder Stil seine Herkunftsgeschichte, aber es liegt in den Möglichkeiten der Musik, diese hinter sich zu lassen und die vielfältigen Erscheinungsformen unserer Emotionen und unseres Seins unmittelbar zum Erklingen zu bringen.
Vielleicht wird dieses Potenzial der Musik nicht immer genutzt. Aber es gehört wohl nicht nur der Wille der Musikfreunde dazu, die Musik als Ausdruck des Menschlichen und mitunter auch Allzumenschlichen zu sehen, sondern die Musik selbst muss sich durch ihre eigene Logik für einen unbegrenzten Erfahrungsraum öffnen. Ich vermute, dass die sogenannten großen Werke der Musikgeschichte – gleich, wann und wo sie entstanden – in hohem Maß durch solch eine Logik der Selbstüberschreitung gekennzeichnet sind. Dadurch ermöglichen uns diese Werke jene beglückende und verbindende Erfahrung, die uns aus dem starren Korsett einfacher politischer, historischer oder sozialer Zuschreibungen befreit. Man könnte dies auch Schönheit nennen. In der Auseinandersetzung mit solchen Werken, sei es als Interpreten, sei es als Hörende, spüren wir, dass es etwas gibt, das größer ist als wir selbst. Sich um dieses Größere gemeinsam zu bemühen, kann dazu beitragen, die Enge unserer Gedanken- und Gefühlswelt zu verlassen.
Meine Damen und Herren, erlauben Sie mir, angesichts der gestern abgehaltenen Wahl zum Europäischen Parlament, diese kleine Betrachtung mit einer mythologischen Reminiszenz zu beenden. Europa, Sie wissen es, war eine wunderschöne phönizische Prinzessin, die von Zeus, der sich ihr in Gestalt eines weißen Stiers genähert hatte, geraubt und nach Kreta entführt worden war. Europas Vater Agenor hatte all seine Söhne ausgeschickt, um nach der verschollenen Schwester zu suchen. Gefunden hat sie keiner, aber einer von ihnen, Kadmos, gründete Theben und vermählte sich mit Harmonía, der „Vereinigenden“, der Göttin der Eintracht, der Harmonie. Die Harmonie wurde dann vor allem in der Musik zu einer zentralen Kategorie, die Harmonielehre zu einem ihrer Pfeiler.
Harmonía selbst aber war ein Kind der Schande, entsprungen einem ehebrecherischen Akt zwischen dem Kriegsgott Ares und der Liebesgöttin Aphrodite, der Gattin des Hephaistos. Die Harmonie ist also der Spross der größten Gegensätze, die sich denken lassen: Liebe und Krieg. Harmonie hat, traut man dem Mythos, nie den Gleichklang gemeint. Es ist nicht die Assonanz oder Addition des ohnehin Gleichen. Es ist der Zusammenklang, die Aussöhnung des Differenten. Die Erzeugung von Harmonie besteht in der Kunst, das, was auseinanderstrebt, nicht zueinander zu passen scheint, dennoch zu einem stimmigen Ganzen zusammenzufügen und zum Erklingen zu bringen, nicht darin, das Differente einzuebnen. Möglich, dass einer der großen politischen Irrtümer unserer Zeit darin besteht, Harmonie mit Homogenisierung, also Angleichung und Vereinheitlichung, zu verwechseln. Und was wir in Aufführungen wie der heutigen erleben, ist in mannigfacher Gestalt, in Hinblick auf die Interpreten und in Hinblick auf die Werke, Ausdruck solch einer Harmonie, die Verschiedenheit nicht leugnet, aber zu einem stimmigen Ganzen fügen möchte.
Sehr geehrte Damen und Herren, die Kunst wird die großen Probleme unserer Zeit nicht lösen. Sie wird auch nicht die furchtbaren Differenzen, die sich in gewaltsamen Auseinandersetzungen und brutalen Handlungen zwischen Menschen ausdrücken, einfach zudecken können. Der Bogen eines Musikers kann manchmal kräftig, manchmal sanft, manchmal derb, manchmal nur andeutend über die Saiten eines Streichinstruments geführt werden. Die Kunst, die Musik kann versuchen, einen zarten Bogen der Einfühlung, der Anteilnahme und der Schönheit über die Abgründe des Menschlichen, die sich allerorten auftun, zu spannen. Das ist nicht viel. Aber in besonderen Momenten fast alles.
Foto: Arman Rastegar.